Bernd von der Walge
Bernd von der Walge
Bernd von der Walge
Bernd von der Walge

Ein Hinweis auf

Wolfgang (Hans) Dietrich

(6. Februar 1925 – 20. Februar 2021)

 

Es waren an die fünftausend Druckseiten, die wir mit ihm zusammen von 2002 bis zu seiner plötzlichen schweren Erkrankung im Herbst 2012 realisiert haben.

Angesichts seines Todes am 20. Februar 2021gilt es, noch einmal eine Spur zu seinem Werk zu legen, das mit verstörender Beharrlichkeit die Grundfrage unserer Tage – Erhalt des irdischen Lebens – immer wieder denkerisch umkreiste. Angesichts der weltweiten, bereits über ein Jahr andauernden weltweiten Corona-Pandemie, sollte seine Stimme wieder zu Gehör gebracht werden. Wer ihn heute im Web sucht, sollte am besten "Theologe, Marburg" hinzufügen, damit die Suchmaschinen ihn, der keinen seiner beiden weiteren Vornamen "Hans Gustav" als Unterscheidungsmerkmal verwendete, besser finden.

Erika Beermann und Bernd E. Scholz, Weimar (Lahn), Ostern 2021

 

Werk-Biographie

 

Am 6. Februar 1925 wurde er in Birkenstein/Berlin geboren. Dort war sein Vater evangelischer Pfarrer, die Mutter Krankenschwester. Die frühe Kindheit verbrachte er in Zans(z)hausen, jetzt Santoczno/Polen. Ab dem vierten Lebensjahr wuchs er in Auleben am Südharz auf. 1932 verlor er seine Mutter durch einen Badeunfall in Hiddensee. In seiner Kindheit und Jugendzeit entwickelte er eine starke Beziehung zu Natur und Literatur. Von den Auleber Volksschulen ging er über zum Humanistischen Gymnasium in Nordhausen. Seine bevorzugten Fächer waren Deutsch, Biologie und Alte Sprachen. Täglich fuhr er mit dem Fahrrad oder der Bahn durch die Goldene Aue. Das Leben spielte sich ab zwischen Dorf und Stadt. Das Abitur bestand er 1943. Ab diesem Jahr ging er zu den Gebirgsjägern und wurde an die südliche Ostfront geschickt. Er wurde Frontsanitäter und mehrfach verwundet. Beim Rückzug durch Rumänien (Karpaten), Ungarn, Slowakei und Tschechien wurde seine Einheit bis auf wenige Überlebende aufgerieben. Mit Kriegsende geriet er in russische, dann in tschechische Gefangenschaft. Er arbeitete zwei Jahre lang in der Landwirtschaft, lernte Tschechisch und ließ sich durch die tschechischen Mitknechte und Aufseher tschechische und russische Literatur besorgen. Seine mehr als glückliche Rückkehr aus der Gefangenschaft nach Deutschland mit Hilfe des tschechischen Roten Kreuzes im Jahre 1947 erfolgte nicht in den nunmehr in der Sowjetischen Besatzungszone  (SBZ) gelegenen Heimatort Auleben, sondern nach Wiesbaden (amerikanische Besatzungszone).

 

Einst pries mein Vater meine fast wunderbare

Bewahrung.

Ich versank in den Boden

vor Scham.

Wie kann ich bestehen vor allen,

die neben mir fielen (Pfad. Wortgesang 16)

 

Rettung ist Überschuss, der überwältigt.

Ich lebe nur noch den hínzugebenen Tag.

Als müsste ich all die Lebensanteile

der Unvergönnten mitleben.

Als wüchsen mir plötzlich Kräfte zu,

auch die Ungeretteten

dennoch zu retten. (Rettung. Wortgesang 32)

 

Durch Hilfsarbeiten schuf er die Basis für ein Studium und studierte in Marburg und Tübingen Theologie, Philosophie und Germanistik. Nach dem Fakultätsexamen war er zwei Jahre lang in einer Internatsschule (Gaienhofen/Bodensee) als Erzieher tätig (1953-1955). Es folgten Jahre als Religionslehrer und Schulpfarrer für "Unterricht in Lebensfragen“ an Berufsschulen in Marburg. Als Berufssschullehrer verfasste er eine sich weit verbreitende Blattfolge "Der Anstoß – Blätter zum Mitdenken" sowie eine Reihe "Exemplarische Bilder" zum kreativen didaktischen Gebrauch, die Standard für den Berufsschulreligionsunterricht wurde. Daraufhin wurde er als Dozent an ein neugegründetes Religionspädagogisches Studienzentrum in Kronberg/Taunus berufen und war dort zehn Jahre lang in Ausbildung, Weiterbildung und Lehrplanentwicklung tätig. In Studium und beruflicher Arbeit wurden für ihn Dietrich Bonhoeffer, Paul Tillich, Helmut Gollwitzer und Jan Amos Comenius zu geistigen Lehrern und Orientierungsgestalten. Einen besonderen Eindruck machte auf ihn der im Pariser Exil lebende russische Religionsphilosoph Nikolai Berdjajew. Während die seinerzeit herrschenden theologischen Richtungen stark autoritäre Züge trugen, inspirierte Berdjajew ihn zu einem freiheitlichen Christentum und der Entfaltung schöpferischer Energie. Sein Werk erschloss er sich aus den russischen Originaltexten, die er sich in Paris bei den "Bouquinisten" beschaffte, Es entstand eine Dissertation (1975), die in vier Bänden im Druck erschien unter dem Titel: "Provokation der Person – Nikolai Berdjajew in den Impulsen seines Denkens." Auf der Basis seiner langjährigen religionspädagogischen Lehrpraxis und des theologisch-systematischen Berdjajew-Werkes erhielt er 1979 eine Professur für Theologie und Religionspädagogik an der Universität Hannover, die jetzt Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Universität heißt. Durch die universale Grundausrichtung des Lehrauftrags war es ihm möglich, systematisch-theologische und biblisch-exegetische, religions-philosophische und religionspsychologische, erziehungswissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Veranstaltungen zu halten. Auch eine Vielfalt der Methodik wurde ausgeübt. – Lebensgeschichtlich war es ihm in der Zeit nach dem Kriege vergönnt, in Ansätzen einen im Krieg gefassten Vorsatz zu realisieren: "Wenn ich - unwahrscheinlicherweise – zurückkäme, etwas zugunsten der Meistgeschädigten zu tun: der Juden und der Russen."  So wurde er in Marburg zum Mitbegründer und jahrelangen Sprecher der "Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit" und fasste Erträge zusammen in der Schrift: "Schalom-Schritte". Und so befasste er sich intensiv – gleichsam stellvertretend – mit Nikolai Berdjajew als einem auf die Freiheit der Person ausgerichteten russischen Denker, dessen Studium in seiner Heimat weitgehend verboten war. Als er nach seiner Emeritierung (1990) Leningrad/Sankt Petersburg aufsuchte, nahm der Berdjajew-Forscher Alexander Jermitschew einen positiven Kontakt mit ihm auf, der zur Freundschaft wurde. An der Lomonossow-Universität in Moskau hielt er aus freien Stücken Vorlesungen (Protestantische Theologie – Kirchenkampf), Seminare (Exodus – Brotverteilung) und Kolloquien (Ökologische Herausforderung). Es wurde ihm die Mitarbeit an einer Enzyklopädie der Religionswissenschaft angeboten. Daraufhin aktivierte er  zahlreiche deutsche Kolleginnen und Kollegen und beschaffte Materialien für ein reichhaltiges deutsch-russisches Kooperationswerk ("Deutsch-Russische Helix", 2006) in den Bereichen von Religionswissenschaft und Theologie (gemeinsame Herausgeberschaft mit Jelena Rjasanowa, Moskau). Ein betontes Votum zugunsten der Übersetzung seines Berdjajew-Werks ins Russische kam von N.W.Motroschilowa (Institut für Philosophie in Moskau). Eine exemplarische Brückenfunktion gewannen auch Initiativen in seinem Heimatort Auleben. Dort belebte er über Jahre  die "Auleber Kulturtage", wurde zum Ehrenbürger ernannt und erhielt eine Werk-Vitrine im Humboldt-Saal des Schlosses. Zusammengefasst wurden die durchlebten Erfahrungen in einem frei gestalteten, neu geschaffenen Psalm-Werk, das in seiner Anfangsform als "Wortgesänge" und in seiner vollen Form als "Marburger Psalter – Lebensgesänge dieser Zeit", im Druck erschienen ist.

Der Grundimpuls seines Lebens und Wirkens richtet sich auf ein Grenzen überschreitendes, religiös motiviertes, kulturelles Netzwerk mit der Ausrichtung auf eine weltweite Entfaltung "der Spirale des Friedens". Die tausendfältigen Aspekte dieses in prismatischer Vielfalt "im Einklang mit der Schöpfung" gelebten "jesuanischen“ Lebens hat Wolfgang (Hans) Dietrich in seinem vierbändigen Erinnerungswerk "Wach im Alter. Tagesbücher I-IV"  (Marburg 2008, 2009, 2010, 2011) festgehalten.

 

 

 

 

 

 

 

Ein wandernder und schreibender Beobachter.

Wolfgang Dietrich im Stadtbild Marburgs

(Erika Beermann)

 

Das Leben ist gewiss eine Wander-schaft, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn, zuweilen eine verwünschte, oft eine erwünschte, und immer wieder auch eine bewusst gewählte.

Wolfgang Dietrich (6.2.1925-21.2.2021), Professor für evangelische Theologie und Religionspädagogik, hat im Laufe seiner Prüfung, die man Leben nennt, beträchtliche Strecken konkreten Weges zurückgelegt, zu Fuß, zu Pferd, mit dem Fahrrad, dem Boot und auch mit jenen Verkehrsmitteln, bei denen er auf andere angewiesen war: Auto, Bus, Zug oder Flugzeug. In seinen letzten aktiven Jahren entschied er sich, wenn er die Wahl hatte, für das Wandern. Dies hatte hauptsächlich drei Gründe.

Der erste, gewissermaßen der langweiligste, war die Sorge um die eigene Gesundheit, die in seinem Fall bedächtige, aber regelmäßige Fortbewegung verlangte.

Der zweite hing mit einem Thema zusammen, das ihm so wichtig war, wie es jedermann sein sollte: der Erhaltung der Natur und der Vermeidung von allem sie unwiederbringlich Zerstörenden, soweit das irgend möglich ist; letztlich der Verantwortung der heute Lebenden für die Zukunft.

Der dritte betrifft seinen Beruf als Schriftsteller, bescheidener ausgedrückt, als schreibender Beobachter. Dazu passte die langsame Fortbewegung, die sowohl Wahrnehmung der Umwelt als auch Nachdenken ermöglicht – und Gespräche herbeiführt, die im dahinbrausenden eigenen Fahrzeug und im anschließenden Forteilen zu einem bestimmten Ziel kaum stattfinden können. Der Dichter Wolfgang Dietrich gar, denn auch als solcher hat er sich erwiesen, beschreibt es an einer Stelle so:

 

Indem ich

von Tag zu

Tag wandere,

 

wandere ich

von Anfang

zu Anfang.

 

Welche Orte sind es nun in Marburg, an denen man sich seiner wandernden, beobachtenden, stets das Gespräch suchenden Erscheinung aus etwa 30 Jahren am besten erinnern müsste?

Da ist zunächst die Route seines Morgengangs, von seiner Haustür in der Leopold-Lucas-Straße über 251 Stufen hinauf bis zur Hohen Leuchte, der erste Begegnungen und Gespräche des Tages mit zufälligen und regelmäßigen Passanten bescherte.

Da sind die Geschäfte, die Verkaufsstände in Ober- und Unterstadt. Wolfgang Dietrich liebte es, am Zeitungsstand zu stöbern, je nach Schlagzeilen spontan zu entscheiden und nicht zuletzt dabei mit dem Verkäufer zu plaudern: über Weltgeschehen oder etwas, das dem Gesprächspartner oder ihm selbst gerade widerfahren war. Wolfgang Dietrich nimmt in seinen Texten oftmals die Gabe des Zuhören-Könnens für sich in Anspruch; und wie so viele prallte er nicht selten bei anderen an der Weigerung zum Zuhören ab.

Da sind die Versammlungsorte der Christlich-Jüdischen Gesellschaft, der Wolfgang Dietrich seit deren Anfängen aktiv mitwirkend angehörte.

Da ist der Bahnhof, dieser faszinierende Ort in jeder Stadt, Begegnungspunkt aller möglichen Menschen, Reisender und nirgendwohin Reisender, der Ort, von dem aus Wolfgang Dietrich unter anderem nach Hannover aufbrach, um dort ökumenische Theologie zu lehren, nach Auleben, um am Kulturleben und am Naturschutz in der Region seiner Kindheit und Jugend mitzuwirken, und nicht zuletzt nach Moskau und Petersburg, um Forschungen zu dem Religionsphilosophen Nikolaj Berdjajew zu betreiben, an der Lomonossow-Universität (Moskau) Vorträge zu halten und in russischen Buchläden und auf Buchflohmärkten zu stöbern (Russisch hatte er sich, der Schuld Deutschlands gegenüber Russland aus dem Zweiten Weltkrieg eingedenk, im Selbststudium mit respektablem Erfolg beigebracht).

Und da viele, viele Stätten hier unerwähnt bleiben müssen, sei nur noch eine, nun auch bereits historische, genannt, zu der Wolfgang Dietrich oftmals zu Fuß gepilgert ist, stets "bewaffnet" mit einem neuen Manuskript, um es vorzuzeigen, daraus vorzulesen, es zu besprechen und dann als Buch gestalten und der lesenden Welt zugänglich machen zu lassen: das Büro des Blaue Hörner Verlags im Stadtwald. Vier umfangreiche "Tagesbücher" unter dem Titel "Wach im Alter" mit Schilderungen von Gegenwärtigem, abwechselnd mit Rückblicken in die Vergangenheit, mit Verflechtungen persönlicher Ereignisse und solcher von zeitloser und überregionaler Bedeutung, mit Prosa, aufgelockert durch Verse, sind hier entstanden und zur Veröffentlichung vorbereitet worden, drei davon auch hier verlegt. Ebenso wurde hier Dietrichs "Marburger Psalter" zum Druck vorbereitet und mit diesem Namen "getauft"; veröffentlicht wurde der Band dann im LIT Verlag.

 

Im ersten seiner "Tagesbücher" lesen wir unter dem Datum 14. Januar 2003:

 

Erzähle du nur. Schreibe

du nur. Sammle die

Buchstaben, die in dir überleben.

 

Wolfgang Dietrich bleibe lebendig in seinem literarischen Werk!

 

 

(Weimar (Lahn) 28.03.2021)

 

[Ausführlicher Nachruf der Leibniz-Universität Hannover:

https://www.theo.uni-hannover.de/fileadmin/theo/pdf/Nachruf_Prof._Dr._Wolfgang_Dietrich.pdf]

 

 

 

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