Bernd von der Walge
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Bernd von der Walge

Michail Schaiber-Sokolski: Russlands europäische Sehnsucht II. NEU AM 10. April 2019

Achtundzwanzig einstündige Radioessays versammelt dieser Band. Von der frühesten Zeit Russlands bis 2001 erstreckt sich ihr zeitlicher Rahmen. Überlegungen zur Geschichte Russlands, zu seiner Literatur, seiner Philosophie. Entstanden sind sie in Moskau und Marburg. In Moskau vor allem in der »Staatlichen Bibliothek für Ausländische Literatur« und der »Staatlichen Russischen Bibliothek« (vormals Lenin-Bibliothek). In Marburg an den Instituten für Slawistik und Osteuropäische Geschichte, die 2004/05 vom Land Hessen geschlossen wurden. Ihr Verfasser, ein 1923 in Moskau geborener, »universalistischer« russischer Jude, schrieb sie in deutscher Sprache, die er genauso wie seine Muttersprache Russisch fließend beherrschte. In der Sowjetunion sicherte ihm dies seine Existenz wie seine Unabhängigkeit – der »freie« Übersetzer aus dem Russischen ins Deutsche war ein gesuchter Mitarbeiter der Verlage. Dabei gelang gleichsam nebenher auch Erstaunliches: Lyrikübersetzungen russischer Dichtung ab Alexander Puschkin, von deren Qualität sich die Hörer des SWR II (Abteilung Literatur, Gerhard Adler) in 16 »Lyrischen Profilen« (halbstündigen Sendungen) in den 1990-er Jahren überzeugen konnten. Sie erschienen 2003 in Marburg in Buchform als »Russlands Europäische Sehnsucht I« – gewissermaßen als Ehrengabe zum 80. Geburtstag.

Die jetzige Herausgabe der »Stundenessays« erschließt endlich auch diesen Teil seines geistigen Erbes in Form eines »Kompendiums«, dessen gesamtes Spektrum in der Schrift »Die tausendjährige Spaltung. Russland. Geschichte, Geist, Gefahren. 15 streitbare Essays« (Marburg 1997) bibliographisch dokumentiert ist, hier vor allem die Schriften im »Samisdat«, aus dem »Darknet« der Sowjetunion. Und wer wollte heute, Anfang Februar 2019, die Aktualität seiner Fragestellung von 1984 – »Der Geist angesichts der Weltkatastrophe« (russisch) – leugnen, wo es doch 1974/1975 bei ihm noch optimistisch gelautet hatte – »Der Geist als Erbe und Mission«?

Michail Schaiber-Sokolskis scheinbar altmodische Verwendung des Begriffs »Geist«, das »basso continuo« all seiner Schriften – in Deutschland war Rudolf Alexander Schröder 1952 (also 7 Jahre nach dem völligen Zusammenbruch Deutschlands) der Erste und Einzige, der sich an einer Definition versuchte – trifft heute auf geradezu magische Weise auf Überlegungen in der modernen Teilchenphysik, den Materiebegriff zu entmaterialisieren, zu »begeistigen«. Wer dem – wenig trivialen – grenzüberschreitenden Dialog der Human- und Naturwissenschaften das Wort redet (Geographisch-Ethnisches kann hierbei getrost entfallen), wen die Frage nach der gegenseitigen Durchdringung von Geist und Materie nicht loslässt, möge, selbst wenn auch nur für einen Moment, Eduard Kaesers jüngst im »SPEKTRUM [8] der Wissenschaft« angestellten Überlegungen zur »Entmaterialisierung der Materie« folgen:

»Diese Denkspur ließe sich weiter verfolgen ins Transzendente, nämlich dann, wenn man davon ausgeht, dass Fragen einen Fragenden, also ein Bewusstsein, voraussetzen. Der Apparat selbst stellt keine Fragen, ohne Beobachtung gibt es keine Realität. Also müsste am Anfang des Fragens, des Beobachtens, bereits »etwas« da sein, das Bewusstsein hat. Geist als Ursprung der Materie? Hier läuft die Formel »It from Bit« auf etwas hinaus, das beinahe wie das Johannesevangelium klingt: Am Anfang war das Bit. Und das Bit war bei Gott.« (07.02.2019)

 

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Der Verlag stand bei der Herausgabe der Schriften Michail Schaibers in Deutschland vor einer besonderen Aufgabe, da er den Wunsch des Autors, sein vor allem im russischen Samisdat verwendetes Pseudonym »Michail Sokolski« auch in Deutschland zu führen, zu respektieren hatte. Zwei Namen, zwei Identitäten: Der für jeden Russischsprechenden die jüdische Herkunft signalisierende Name »Schaiber« für den Übersetzer, der ›neutrale‹, ›rein russische‹ »Sokolski« für den Denker und Essayisten, hinter dem jedoch leicht für jeden, der es wissen wollte, der wahre Autor ausfindig zu machen war. So genügt im »Katalog der Deutschen Nationalbiliothek« (https://portal.dnb.de) die Eingabe »Schaiber«, um eine vollständige Liste all seiner Übersetzungen und Schriften zu erhalten, da das Pseudonym »Sokolski« hier korrekt aufgelöst ist. Die russischen Nationalbibliotheken in Sankt Petersburg und Moskau lösen das Pseudonym nicht auf, so dass hier auch nur die getrennte Eingabe beider Namensformen zum Erfolg führt.—

 

Wie sich 1997 bei der Herausgabe der »Tausendjährigen Spaltung« in erschreckender Weise herausstellen sollte, hatte man in Deutschland nicht gerade auf einen überlebenden »anonymisierten« jüdischen Zeugen aus der einstigen Sowjetunion gewartet, der überdies noch die mehr als wohlbegründete Meinung vertrat, der mit den KSZE-Verhandlungen 1973, 1974 und 1975 eingeleitete Prozess der Auflösung der West-Ost-Spaltung sei kein Sieg der Politökonomie des Westens gewesen, sondern von der ›Intelligenzija‹ der Völker des Warschauer Paktes unter allergrößten, zumeist auch persönlichen Opfern errungen worden. Hiervon zeugt insbesonders die Geschichte der Moskauer Helsinki-Gruppe, gegen deren Mitglieder der sowjetische Geheimdienst bis zum Beginn der Ära Michail Gorbatschows zusammengerechnet an die 60 Jahre Lagerhaft und 40 Jahre Verbannung erwirkte, ganz zu schweigen von Einweisung in psychiatrische Anstalten, Entzug der Staatsbürgerschaft (Expatriierung) und Berufsverbot.

Im Nachwort wird daher auch darauf eingegangen, wie sich das Leichentuch eines immer virulent vorhandenen, klandestinen Antisemitismus deutscher postnationalsozialistischer Osteuropaforscher über Autor und Verlag herabsenken sollte. Und nicht nur dieser.

Unvoreingenomme Leser und Hörer gab es auch. Für sie haben wir uns der Mühe unterzogen, das auf den Hörer zugeschnittene Wort, das auch komplizierte soziale, politische oder philosophische Sachverhalte verständlich werden lässt, neu durchzusehen, d.h. rund 750 Namen vor allem anhand der heutigen höchstaktuellen und höchstinformativen russischen Suchmaschine Yandex.ru einzeln zu prüfen und zu indizieren. In vieler Hinsicht sind diese in Deutschland weitgehend unbekannten Namen auch ein Zeugnis des geistigen Potentials Russlands. Im Nachhinein lesen sie sich wie das »Who’s who of Perestroika«, das ich 1990 in Marburg verlegt habe (russisch). Dennoch war äußerste Zurückhaltung geboten bei der Hinzufügung aktualisierter biographischer oder anderer Informationen. Es hätte das Ziel dieser Essays, gedankliche Anregung zu sein, unzulässig verfälscht. Oder wie es Marion Gräfin Dönhoff einmal ausgedrückt hat: Der Gedanke sollte über der Fußnote stehen. Alle Zusätze gehen daher auf das Konto des Herausgebers.

Die Aktualität dieser Radioessays findet sich in der Brechung genuin russischer Welt- und Geschichtserfahrung im geistigen Spektrum eines russischen Europäers.

Damit betreten wir aber auch bereits den stellvertretenden Kampfplatz aktueller gesellschaftlicher Konfrontationen in Russland, der in der für einen heutigen Deutschen weitabgelegenen Diskussion des »Sinn«-Verlaufs der gesamten Geschichte Russlands liegt.

Dass dabei Michail Schaiber-Sokolskis »eurorussische Parteilichkeit« sich in der mehrbändigen Geschichte Russlands eines so populären Autors und expliziten »Eurorussen« wie Boris Akunin (eigtl. Tschchartischwili) fast auf jeder Seite nachweisen lässt, sollte hierzulande eigentlich doch zu denken geben.

 

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Bibliographische Angaben:

Autor: Michail Schaiber-Sokolski

Titel: Russlands europäische Sehnsucht II: 28 Radioessays zur Philosophie, Geschichte und Literatur Russlands

Herausgegeber: Bernd E. Scholz

Vorwort und Nachwort: Bernd E. Scholz

Lektorat: Erika Beermann

Weimar (Lahn) 2019, 535 S.

ISBN 978-3-926385-49-9

Amazon ASIN: 39263895499

 

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