Bernd von der Walge
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Bernd von der Walge

"Der stille Don". Einige Fragen zur Autorschaft und zur deutschen Übersetzung

Im Zusammenhang mit der Herausgabe von Michail Schaiber-Sokolskis "Russlands europäische Sehnsucht II: 28 Radioessays zur Literatur, Philosophie und Geschichte Russlands" tauchte neben dem Problem der Autorschaft auch die Frage der deutschen Übersetzung des weltberühmten Romans auf. Dabei ergab sich folgendes Bild (ebenda S. 322 f.):

Die Frage der Autorschaft des »Stillen Don«, von der es in der russischen Wikipedia diplomatisch heißt, »offiziell« werde Scholochow für den Autor gehalten – ohne dass gesagt wird, was »offiziell« eigentlich bedeuten soll –, kann mittlerweile mit den Forschungen des Sankt Petersburger Literaturwissenschaftlers Andrej Tschernow als beantwortet gelten. Es war der Schriftsteller vom Don Fjodor D. Krjukow (1870-1920?).18 Erst heute ist der Großteil seines umfangreichen Werkes bekannt und ediert, das wie sein Name in der Sowjetzeit aus allen Nachschlagewerken und Bibliotheken verbannt war. In Deutschland ist von dieser für das gesamte Selbstverständnis der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts wegweisenden Diskussion so gut wie nichts angekommen.19 Im Gegenteil.

Allein die Geschichte der zwei deutschen Übersetzungen seit 1929/1930 und 1959 hätte genügend Stoff geboten für die erstaunlichsten Beobachtungen. Dabei wiegt am schwersten, dass alle Fehler und Auslassungen der Erstübersetzung [323] von Olga Halpern-Gabor sowohl in der DDR als auch in der Lizenzausgabe des List Verlags München jahrzehntelang – seit 1959 wider besseres Wissen – den ahnungslosen deutschen Lesern vorgesetzt wurden.20

Spätestens mit dem Erscheinen der nach der letzten russischen Ausgabe von 1948 angefertigten deutschen Neuübersetzung durch Maximilian Schick und ihrem Erscheinen in Moskau und Berlin 1959 waren die Mängel der bisher so erfolgreich verkauften ersten Fassung für jeden, der lesen konnte, offenbar. Dem Austausch der fehler- und lückenhaften alten Fassung durch die Neuübersetzung hätte eigentlich nichts im Wege gestanden, außer einem kurzzeitigen Rückgang der Deviseneinnahmen des Verlags »Volk und Welt« mit der in Lizenz vom »List Verlag« in Westdeutschland höchst erfolgreich vertriebenen alten Ausgabe. Dieser Verkauf endete im Jahre 2000 mit der 5. Auflage der dtv-List-Ausgabe, die noch bis ca. 2010 auf dem deutschen Buchmarkt erhältlich war und vom List Verlag fälschlich als »ungekürzt« angepriesen wurde (so noch heute im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig), so dass sich im Ergebnis bis heute keine der Bedeutung des Werkes angemessene deutsche Ausgabe auf dem Buchmarkt mehr finden lässt. So war es 1960 kaum überraschend, dass der List Verlag den Vertrieb der neuen deutschen Moskauer Ausgabe in Westdeutschland durch die westdeutsche Vertretung von »Meshkniga« (Internationales Buch, Brücken Verlag, Düsseldorf), wofür diese 1959 im »Börsenblatt für den deutschen Buchhandel« per Anzeige geworben hatte, als »einzig für die deutschsprachigen Länder berechtigter Lizenzinhaber« verbieten ließ. Die DDR »unterwarf« sich diesem westdeutschen Richterspruch gern, der ihr einen unverminderten Zufluss an Tantiemen sicherte. Die Schicksche Übersetzung, die in der DDR kurze Zeit neben der Halpernschen Ausgabe angeboten worden war, verschwand stillschweigend vom DDR-Buchmarkt, so dass man dann nach der vertriebsfördernden Verleihung des Literaturnobelpreises an Michail Scholochow im Herbst 1965 durchaus von einem gemeinsamen deutsch-deutschen Betrug am Rechteinhaber sprechen kann, was auch unabhängig davon gilt, wer nun eigentlich der wahre Autor gewesen sein mochte.

Eine weitere deutsch-deutsche Nachkriegsbesonderheit bestand darin, dass die Rechte an der Halpernschen Übersetzung der Bücher 1 und 2 von 1929/30 eigentlich beim »Verlag für Literatur und Politik« (Wien – Berlin) lagen, dessen Eigentümer Dr. Johannes Wertheim Anfang 1934 wegen seiner jüdischen Abkunft alle seine Verlagsunternehmen in Deutschland verlor und nach Paris emigrieren musste21, so dass nach seinem Tod Ende September 1942 im KZ Auschwitz die deutschen Rechte am »Stillen Don« – wie alle Verlagsrechte – an seinen Sohn Georges Wertheim übergingen. Dieser versicherte mir auf Nachfrage in Paris 2001, dass es – wie zu erwarten war – zwischen ihm weder mit dem Verlag »Volk und Welt« noch mit dem »List Verlag« jemals eine Lizenzvereinbarung den »Stillen Don« betreffend gegeben hätte.22

Dieses ›historische Trauerspiel‹ der deutschen Ausgabe(n) des »Stillen Don« muss an anderer Stelle nachgezeichnet werden, es füllt ein Buch aus. Ich gebe daher in den Anmerkungen nur eine Zusammenfassung von dem, was ich mir u.a. 2002 nach Durchsicht des Archivs von »Volk und Welt« in der Berliner Akademie der Künste notiert habe.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die deutsch-deutschen Lizenznehmer des »Stillen Don« ihr kommerzielles Interesse über die weltweit gültige Verlagsverpflichtung zur Verbreitung einer dem Original angemessenen Übersetzung gestellt haben.

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Anmerkungen (ebenda S. 509-512):

18 Andrej Tschernow: »ZAPRESCHTSCHENNY KLASSIK (stranizy o Fjodore Krjukowe)« [Ein verbotener Klassiker (Einige Seiten über Fjodor Krjukow)]. Zuerst in: Zagadki i tajny „Tichogo Dona" ; dvenadcat’ let poiskow i nachodok [Rätsel und Geheimnisse des »Stillen Don«; 12 Jahre des Suchens und des Findens] (Hrsg.) Makarov, Andrej Glebovič. Moskva: »AIRO-XXI«, 2010, 397 S.; im Internet unter:

http://fedor-krjukov.narod.ru/o_KRJUKOVE/Chernov_o_KRJUKOVE.htm [last access 15.03.2019]

Stark erweiterte Fassung 2017 (ca. 135 Druckseiten mit zahlreichen historischen Abbildungen und dem Versuch einer Rekonstruktion der ersten 12 Kapitel des 1. Teils des noch immer nicht freigegebenen Krjukowschen »Ur«-Manuskripts) unter:

https://nestoriana.wordpress.com/2017/11/29/td_krjukov_klassik/?fbclid=IwAR1MDY9O4pEQc32NhucrXk8GDTAsAcN1ugPWwJzF33NM1driAsnjZK5uIfE (last access 25.03.2019)

19 Auf einem Artikel in der »Nowaja gazeta« fußend, dient die Russlandkorrepondentin der FAZ, Kerstin Holms, 2015 ihren Lesern noch einmal die Version Bar-Sellas an; von den diese Sichtweise empfindlich störenden Forschungsergebnissen Andrej Tschernows ist mit keiner Silbe die Rede.

(Vgl. FAZ online, 31.07.2015 »Nobelpreis für ein Plagiat. Die Ruhmsucht der Sowjetunion.«)

20 Die Liste der am »Stillen Don« begangenen deutsch-deutschen philologischen ›Grausamkeiten‹ ist lang (hier nur ein kleiner Auszug): Willkürlich vollständig herausgekürzt die Kapitel VII, XV und XVII aus dem zweiten Teil des 1. Buches, wobei das Kapitel XVII eine Schlüsselfunktion für die Gesamtkomposition der Bücher 1 bis 3 besitzt, vor allem wegen der meisterhaften Einbettung des den weiteren Romanverlauf bestimmenden Konflikts der beiden Protagonisten Grigori Melechow und Stepan Astachow in den Verlauf einer Wolfsjagd.

»Rohrdommeln« werden zu »Wasserochsen«, die am Don nie gesehen oder gehört wurden; »Kraniche« zu »Störchen«, deren »Schrei« noch keines Menschen Ohr je gehört hat (vgl. hier die folgende Gegenüberstellung in den beiden Spalten [gedruckte Fassung S. 511]), usw. Ideologisch bedingte Eingriffe in die Substanz des Werkes durch Ersetzen der die Zeitstruktur festlegenden Feiertage der russisch-orthodoxen Kirche durch nackte Datumsangaben führten dazu, dass die kunstvoll verflochtenen Handlungs- und Zeitstränge der Bücher 1 und 2 auf diese Weise durcheinander gerieten, was dann ja immerhin in Moskau im »Verlag für fremdsprachige Literatur« 1949 bemerkt und durch Neuübersetzung korrigiert, aber auch dann in Deutsch-Deutschland nicht kommuniziert wurde. —

Noch einmal widmet die Zeitschrift »Sowjetliteratur« dann 1980 ein ganzes Heft (Nr. 8) dem Abdruck von Buch I in der, wie es heißt, von »Maximilian SCHICK revidierten Übersetzung Olga Halperns«, was wiederum nicht der Wahrheit entsprach, denn M. Schick hatte den gesamten Roman neu übersetzt. Es ist kaum anzunehmen, dass der 1968 verstorbene mit der in »Sowjetliteratur« als seine Neubearbeitung bezeichneten Fassung einverstanden gewesen wäre, da sie mitnichten seiner Fassung von 1958/59 entsprach. Mit dem neubearbeiteten Abdruck von zwei Kapiteln aus Buch IV wurde diskret darauf hingewiesen, dass auch die von E. Margolis und R. Czara für »Volk und Welt« vor Jahrzehnten übersetzten Bücher 3 und 4 nicht allen Ansprüchen genügten. Der Kommentar dazu lautete, man wolle dem Leser Lust machen auf eine vollständige Lektüre des Werkes. Leider ohne zu sagen, in welcher [511] Übersetzung und dass die Schicksche Übersetzung gar nicht mehr erhältlich war. —

21 Vgl. Georges Wertheim: »Die Odyssee eines Verlegers. In memoriam Dr. Johannes Wertheim (1888-1942).« In: Jahrbuch 1996, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW), Wien 1996, S. 204-229 [mit einer umfangreichen Bibliographie aller Verlagsaktivitäten]

22 Ungeklärt ist, mit wem der Wiener Verleger Wertheim den Verlagsvertrag abschloss. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann man jedoch davon ausgehen, dass es die 1923 geschaffene »Meshkniga« [Das Internationale Buch] war, ein Organ der staatlichen Außenhandelsorganisation »Gostorg«, das anfangs vor allem die Aufgabe hatte, durch Verkäufe wertvoller requirierter antiquarischer Werke in Westeuropa Devisen für die klamme sowjetische Staatskasse zu erwirtschaften. (Diese Aufgabe als Leiter der antiquarischen Abteilung von »Meshkniga« in Moskau wurde 1923 dem legendären Buchantiquar aus vorrevolutionärer Zeit Pawel P. Schibanow (1864-1935) zugewiesen, der bis 1934 78 Verkaufskataloge und mehr als 300 Bulletins herausgab.)

Die geheimdienstliche »Operation ›Stiller Don‹«, die alle Qualitäten einer ›Räuberpistole‹ besitzt, scheint auf diese Weise eher der materiellen Not der Zeit [513] nach dem Bürgerkrieg geschuldet, als vertrauenerweckender verlegerischer Tätigkeit, die erst einmal darin bestand, das von den Erben des von der Tscheka ermordeten oder auf andere Weise entfernten weißgardistischen Autors Pawel Krjukow übernommene Manuskript einem neuen »sowjetischen« Autor zuzuschreiben, als der sich der junge und literarisch ebenso unerfahrene wie wenig talentierte Michail Scholochow irgendwie anzubieten schien. Die Legende verkaufte sich jedoch gut – einzelne kritische Stimmern wurden von Stalin persönlich »ruhig gestellt» – , so dass fast gleichzeitig mit der deutschen Ausgabe auch eine französische in Paris erschien (Michel Cholokhov: Sur Le Don Paisible. A.d.Russ. V. Soukhomline [Wassili W. Suchomlin, 1885-1963] und S. Campaux. Paris: »Payot«, 1930 und 1931 (Bücher I und II). Die Übersetzung erfolgte aufgrund der russischen Buchedition von 1929 und hielt sich, wie ein gründlicher Textvergleich ergab, im Gegensatz zur Halpernschen Fassung streng an die russische Vorlage. Die Übersetzung ist texttreu und erfüllt am ehesten literarisch-künstlerische Erwartungen. (Die farbige Biographie des französisch-russischen Schriftstellers W.W. Suchomlin, des Sozialrevolutionärs und späteren sowjetischen Agenten in Frankreich und den USA, passt gut zur Geschichte der Verbreitung des »Stillen Don« durch die Komintern.)

Viele Rätsel in der Auswahl der abgedruckten Kapitel gibt auch die erste englische Ausgabe von 1934 in der Übersetzung von Stephen Garry auf, dem es gelingt, den gewaltigen Textumfang der Bücher I, II und III auf ca. 25% herunter zu kürzen. Bemerkenswert ist aber, dass hier die spätere Gesamtaufteilung in vier Bücher – Peace – War – Revolution – Civil War – bereits angedeutet ist. Als Penguin Book »And Quiet Flows the Don« ab 1967 immer wieder aufgelegt (bis 1980).

Die Rolle des List Verlags ist heute, auch nach seiner Eingliederung in die Ullstein Verlagsgruppe (Berlin), mehr als nur historisch beachtlich. Die auf der Homepage des List Verlags von 2001 verbreitete Selbstdarstellung wies von 1931 bis 1945 eine Lücke auf, offenbar hatte der Verlag während dieser Zeit auf dem Mars existiert. (Last access 2001)

Im März 1945 allerdings war der Verleger von Leipzig nach München gereist, um Papier einzukaufen, von wo er nicht mehr nach Leipzig zurückkehrte. Die Verlagslizenz erhielt er dann bereits wieder 1946 in München von den Amerikanern. Kurzzeitig existierte der Verlag dann gleichzeitig in München wie in Leipzig.

Zu Scholochow hieß es 2001 wörtlich auf der Homepage:

»Auf der Frankfurter Buchmesse [1965] erfährt der List Verlag, dass sein [sic!] Autor Michail Scholochow den Nobelpreis für Literatur erhält.

Paul W. List hatte bereits im Jahre 1949 den Verlagsvertrag mit Scholochow in Berlin unterzeichnet.« [Kursiv bes]

Diese letztere Aussage kann nicht wahr sein, da 1949 kein Autor der Sowjetunion das Recht hatte, eigenständig Verlagsverträge mit Verlagen außerhalb der Sowjetunion abzuschließen. Dies war die Aufgabe von »Meshkniga« als Teil der sowjetischen Außenhandelsorganisationen. Als Boris Pasternak 1957 die Rechte für seinen Roman »Doktor Schiwago« dem italienischen Verleger Giangiacomo Feltrinelli übertrug, um sein Erscheinen nach Ablehnung durch sowjetische Verlage zu ermöglichen, und der Roman dann tatsächlich auch in Russisch wie in Übersetzung im Westen erschien und ihm 1958 der Literaturnobelpreis verliehen worden war, wurde gegen ihn eine Kampagne des sowjetischen Schriftstellerverbandes inszeniert, an der sich u.a. auch [514] Scholochow aktiv beteiligte. Der Ausweisung konnte Pasternak nur dadurch entgehen, dass er die Annahme des Preises verweigerte. Dennoch bestand er als erster sowjetischer Autor seit 1918 auf seinem Recht als Autor, über sein geistiges Eigentum selber zu verfügen und es bei Ablehnung sowjetischer Verlage auch im Ausland veröffentlichen zu lassen. (Es wird dann 1974 Solzhenizyn sein, der der »Piraterie« sowjetischer wie westlicher Verlage, sich die Rechte am geistigen Eigentum umstandslos anzueignen, durch Beauftragung eines Schweizer Anwalts mit der Wahrhnehmung seiner Autorenrechte ein Ende setzte. So musste der rechtslastige Münchener Langen Müller Verlag 1971 die gesamte Auflage von »August 1914« (100.000 Ex.) nach Widerspruch Solzhenizyns wieder einstampfen – https://www.zeit.de/1987/42/wenn-die-daemme-brechen?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x ; last access 20.03.2019)

Die seinerzeit hinlänglich bekannte Pasternak-Geschichte hinderte den Verleger Paul W. List indes nicht, im Sommer 1966 auf Einladung des mittlerweile Literaturnobelpreisträgers Scholochow mit Gemahlin nach Moskau zu reisen. Selbst heute – im März 2019 – auf seiner Berliner Webseite stellt er noch nostalgisch fest, dass der Nobelpreisträger Michail Scholochow »für literarisches Profil« gesorgt habe.

(https://www.ullstein-buchverlage.de/verlage/list.html;  last access 23.03.2019)

 

 

 

 

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